Eine Geschichte zwischen bäuerlicher Zweckmäßigkeit, viktorianischer Mode und Arts & Crafts

Auf den ersten Blick wirkt Smocking wie eine rein dekorative textile Technik: Stoff wird in regelmäßigen Falten zusammengezogen und mit kleinen Stichen fixiert, sodass ein charakteristisches geometrisches Muster aus Rauten, Waben oder anderen Formen entsteht.

Doch die Geschichte des Smockings beginnt nicht als Schmucktechnik. Ursprünglich war es eine funktionale Methode, aus einem weiten, nicht elastischen Stoff ein bewegliches Kleidungsstück zu machen.

Kurz zusammengefasst:

Smocking begann als Lösung für ein praktisches Problem: «Wie macht man einen nicht elastischen Stoff beweglich?». Und wurde später gerade wegen seiner sichtbaren Handarbeit und seiner geometrischen Schönheit zum Ornament.

Und genau diese Entwicklung erklärt, warum dein gezeigtes Waben-Smoking heute so stark nach spätem 19. bzw. frühem 20. Jahrhundert aussieht: Es gehört ästhetisch zu einer Zeit, in der die Grenze zwischen Handwerk, Mode und Kunst bewusst neu gezogen wurde.

Was ist Smocking überhaupt?

Beim Smocking wird zunächst ein Stoff regelmäßig gerafft. Anschließend werden die entstandenen Falten mit Handstichen miteinander verbunden. Je nachdem, welche Punkte miteinander verbunden werden, entstehen unterschiedliche geometrische Strukturen.

Das Avenir Museum of Design and Merchandising beschreibt Smocking entsprechend als ursprünglich funktionale Technik, mit der grobe Stoffe beweglicher gemacht wurden. Die Stiche verlaufen über geraffte Stoffpartien und erzeugen dadurch Dehnbarkeit.

 

Der englische Smock: Arbeitskleidung statt Luxusmode

Die Geschichte des Smockings ist eng mit dem englischen Smock-Frock verbunden.

Ein Smock war ein weites Übergewand, das von Landarbeitern über der normalen Kleidung getragen wurde. Es sollte die darunterliegende Kleidung schützen und gleichzeitig genügend Bewegungsfreiheit lassen. Traditionell wurden sie aus Baumwolle oder Leinen gefertigt.

Das ist ein wichtiger Punkt für die Geschichte des Smockings: Die Technik entstand beziehungsweise entwickelte sich innerhalb einer Arbeitskleidungskultur und nicht innerhalb der höfischen Mode.

Das unterscheidet Smocking von vielen anderen historischen Sticktechniken. Stickerei war häufig ein Mittel zur Verzierung und konnte Wohlstand, Bildung oder sozialen Status demonstrieren. Smocking hatte dagegen zunächst einen ausgesprochen praktischen Nutzen.

17. Jahrhundert: Frühe erhaltene Smocks

Ein besonders interessantes erhaltenes Kleidungsstück befindet sich heute im London Museum. Es handelt sich um einen weißen Leinensmock aus der Zeit um 1603–1610.

Das London Museum beschreibt an diesem Kleidungsstück unter anderem geometrisches Cutwork, Nadelspitze und weitere dekorative Elemente. Jedoch nicht ausdrücklich das heute bekannte dekorative Smocking. Der Smock ist vielmehr ein hervorragendes Beispiel dafür, dass aufwendig gearbeitete Arbeits- und Untergewänder bereits früh mit textilen Verzierungen versehen wurden.

Hier sollte man deshalb zwischen Smock als Kleidungsstück und Smocking als spezifischer Technik unterscheiden.

18. Jahrhundert: Der Smock wird Teil der ländlichen Kultur

Im 18. und 19. Jahrhundert wurde der Smock zu einem charakteristischen Bestandteil der englischen ländlichen Arbeitskleidung.

Interessant ist, dass diese Kleidungsstücke keineswegs immer vollkommen schmucklos waren. Stickereien konnten an Kragen, Ärmeln, Manschetten oder am Oberkörper auftreten. Damit entsteht bereits eine Verbindung zwischen Funktion und Design:

Die Technik machte das Kleidungsstück beweglicher, gleichzeitig konnte sie als dekorative Gestaltung eingesetzt werden.

Eine Abbildung aus dem Jahr 1784, die heute vom London Museum dokumentiert wird, zeigt beispielsweise einen sogenannten „Smock Race“ auf einem englischen Jahrmarkt. Smocks waren zu dieser Zeit also längst ein Bestandteil der populären ländlichen Kultur.

Das 19. Jahrhundert: Der entscheidende Wandel

Der große Wendepunkt kommt im 19. Jahrhundert.

Die Industrialisierung veränderte die Arbeitswelt. Traditionelle ländliche Arbeitskleidung verlor allmählich ihre praktische Bedeutung, insbesondere als Arbeitsplätze und Kleidungsgewohnheiten sich durch die Industrialisierung wandelten.

Was zuvor als einfache Kleidung des Landarbeiters gegolten hatte, konnte nun als Symbol einer vermeintlich ursprünglichen, natürlichen und einfachen Lebensweise interpretiert werden.

Das ist ein typisches Phänomen des 19. Jahrhunderts: Die industrielle Gesellschaft begann, das Landleben zu romantisieren.

Die 1870er: Smocking wird modisch

Ab den 1870er Jahren wurden Smocks und Smockings zunehmend von Künstlern und Angehörigen der Boheme aufgegriffen. Aus der ländlichen Arbeitskleidung wurde dadurch ein Element alternativer und modischer Kleidung. Es konnte bewusst als sichtbares Ornament eingesetzt werden.

Arts & Crafts und die Rückkehr zur Handarbeit

Dieser Wandel steht außerdem im Zusammenhang mit der Arts-and-Crafts-Bewegung.

Im späten 19. Jahrhundert wuchs die Kritik an der industriellen Massenproduktion. Künstler und Designer interessierten sich wieder stärker für handwerkliche Herstellung, historische Techniken und natürliche Materialien.

Smocking wurde nicht einfach zufällig modern. Es passte perfekt zu einer Zeit, in der Handarbeit, historische Vorbilder, Natur und eine weniger formelle Kleidung zunehmend geschätzt wurden.

Um 1890–1910: Die Blütezeit des dekorativen Smockings

Wenn man nach der historischen Epoche fragt, die am stärksten mit dem dekorativen Smocking verbunden werden kann, ist die Zeit zwischen etwa 1880 und 1910 besonders interessant.

Ein erhaltenes Kinderkleid im London Museum aus 1876–1885 besitzt bereits deutlich
erkennbare Smocking-Partien an Vorder- und Rückseite sowie an den Ärmelenden.

Wir haben also eine bemerkenswerte Entwicklung:

1870er: Smocking wird von der Arbeitskleidung in alternative Mode übernommen.
1880er: Smocking erscheint in reformorientierter und romantischer Kleidung.
1890er: Smocking wird zu einem etablierten dekorativen Element hochwertiger Damenmode.
1900–1910: Smocking passt hervorragend zum Arts-and-Crafts- und Liberty-Stil und wird mit „artistic dress“ verbunden.

Vom Kleid zum Lampenschirm

Eine ursprünglich funktionale Technik der Kleidung wurde im späten 19. Jahrhundert zu einem dekorativen Gestaltungsmittel. Damit konnte sie grundsätzlich auch auf andere textile Objekte übertragen werden.

Das passt in die allgemeine Entwicklung der viktorianischen und späteren Arts-and-Crafts-Innenausstattung, in der Textilien, Handarbeit, Stickerei, Raffungen und historische Handwerkstechniken eine wichtige Rolle spielten.

Das Victoria and Albert Museum dokumentiert beispielsweise die enorme Bedeutung von Stickerei und handgefertigten Textilien für die Arts-and-Crafts-Bewegung. William Morris und sein Umfeld entwickelten und vermarkteten Stickereien für Kissenbezüge, Wandbehänge, Türvorhänge und Bettdecken.

Deshalb ist bei einem gesmokten Lampenschirm eine Datierung in das späte 19. oder frühe 20. Jahrhundert stilistisch durchaus plausibel. Jedoch gibt es hierzu keine fundierten literarischen Belege.

Zeitraum: Bedeutung des Smockings

16./17. Jahrhundert: Smocks und aufwendig verzierte Kleidungsstücke sind nachweisbar

18. Jahrhundert: Smock als charakteristische englische ländliche Arbeitskleidung

frühes 19. Jahrhundert: weiterhin praktische Arbeitskleidung

ab ca. 1870: Übernahme in alternative und modische Kleidung

1880er: Verbindung mit Reformkleidung und Arts & Crafts

1890er: dekoratives Smocking wird in der Mode deutlich sichtbar

ca. 1900–1910: besonders charakteristisch für Liberty/„artistic dress“

20. Jahrhundert: weiterhin vor allem bei Kinderkleidung und als dekorative Technik

Gegenwart: erneute Verwendung in Mode und Handarbeit

 

Hinweis zur Quellenlage:

Für eine seriöse historische Darstellung ist es besser, zwischen der langen Geschichte des Smocks, frühen textilen Raff- und Sticktechniken und der klar belegbaren modischen Verbreitung des dekorativen Smockings im späten 19. Jahrhundert zu unterscheiden.
Quellen und weiterführende Literatur: